
"Mit Waden so leicht wie Zuckerwatte" Xaver von smrun fliegt über die Bahn
Wahnsinn? oder wahnsinnig gut? Dieses Training hat es in sich und in den Waden
Was soll denn das? Dachte ich vor ca. 2 Jahren, als ich zum ersten Mal von einem Läuferzehnkampf hörte. Man kann auch alles übertreiben oder ad absurdum führen, aber ich mache da sicher nie mit.
60m, 100m, 200m, 400m, 800m, 1000m, 1500m, 3000m, 5000m, 10`000m, und das über das Auffahrtswochenende, Wahnsinn?
Man soll nie „nie“ sagen, und nachdem ich weitere Informationen hatte, beschloss ich, das auch einmal zu probieren.
Am Mittwochabend vor Auffahrt mit meinem Skoda durch die verstopften deutschen Autobahnen bis nach Tschechien, in Pils ein Bier getrunken und übernachtet, früh am Auffahrtstag weiter über Prag nach NovaPaka, dem diesjährigen Durchführungsort des Läuferzehnkampfes. Irgendwo in der Provinz draussen, ein kleines Städtchen mit freundlichen Menschen und einer Leichtathletikanlage mit 6 Bahnen, nicht so toll gepflegtem Garderobengebäude mit Verpflegungsmöglichkeit, einem Fussballplatz mit gepflegtem Rasen innerhalb der Rundbahn und einer kleinen überdachten Zuschauer-tribüne. Herz, was brauchst du mehr für ein gemeinschaftliches Sportereignis?
Startnummer abholen, ich bekam 2x die 34 (für vorne und hinten), was gemäss den gemeldeten Zeiten auch mein Rang hätte werden sollen, 55 Euro Startgeld für 10 Wettkämpfe bezahlen inkl. Samstagabendparty mit Buffet, allen „grüäzi“ sagen und sich so langsam für den ersten Wettkampf bereit machen.
Zum ersten Mal meine Kompressionsstrümpfe montieren, dabei wieder an den Verkäufer denken, der mir im Nachhinein noch leid tut, weil ich ihn mit meinen Zweifeln fast zur Verzweiflung getrieben habe, dann schweifen meine Gedanken zurück in die Schulzeit, als Xaverli im Sport immer mit vollem Einsatz aber wenig Erfolg kämpfte, immer bei den letzten drei im Sprint und im Hoch- und Weitsprung, und jetzt wieder 60 m. Den Start völlig verschlafen, aus Angst, vor einem Fehlstart.
44. von 61, also bin ich im Alter verhältnismässig schneller geworden, oder die anderen langsamer? Und nicht verletzt, ist ganz wichtig für einen Langstreckenläufer, dass er bei den Sprints Acht gibt und sich sehr gut aufwärmt (ohne Stretching), wie ich später von den zum Teil sehr humorvollen Mitläufern erfahren habe. Na ja, für‘s Erste war ich zufrieden. Auslaufen, und kaum war das gemacht, wieder einlaufen für die 1500m. Davor hatte ich weniger Angst.
30. in 5`06, so langsam fasste ich wieder Vertrauen in meine läuferischen Fähigkeiten und auch in die mir vorher völlig unbekannten MitstreiterInnen. Ich begann mich richtig wohlzufühlen, „als Wahnsinniger unter Wahnsinnigen“, aber man darf das einfach nicht zu ernst nehmen, sondern als gutes , sehr gutes Trainingslager anschauen, auch das wurde mir von den „alten Hasen“ (auch wenn sie 20 Jahre jünger waren als ich) immer wieder bestätigt.
Der den Tag abschliessende 400 m Lauf zeigte mir klar auf, dass mein Stehvermögen nicht ausreichend trainiert worden war. Die Oberschenkel wurden schon auf der ersten Gerade sauer, trotzdem 40., ich war zufrieden. Für mich konnte es nur besser werden, denn am 2. Tag verdoppelten sich die Strecken praktisch.
Das Abendprogramm im Gymnasium von Nova Paka war beeindruckend. Was sich die Tschechen für ca. 100 LäuferInnen aus Europa einfallen liessen, war sensationell. Gesang, Klavier, BreakDance, Michael Jackson aus dem Jenseits zurück, ich war begeistert.
Freitag morgen: was ist los? Meine Waden sind nicht verklebt, schmerzen nicht, sondern sind trotz der drei Wettkämpfe vom Vortag leicht wie Zuckerwatte. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr, den Kompressionsstrümpfen von Sigvaris sei Dank.
100m, 3000m und am Abend noch 800m, dieses Programm gefiel mir schon viel besser als der erste Tag. Nun wurden auch die Gruppen neu zusammengestellt anhand der Vortagesresultate.
36. über 100m war doch schon ein Fortschritt gegenüber dem 60m Lauf vom Vortag. Dann der erste Höhepunkt für einen „Marathoni“, 3000m; nach einem verhaltenen Start konnte ich die Führung in der 3. Runde übernehmen und gewann meine Serie mit mehr als 60m Vorsprung, was 27. overall bedeutete. Das war Balsam für die Seele. Aber der Höhenflug dauerte nur bis zum den Tag abschliessenden Höhepunkt. Die 800m fühlten sich an wie ein Trainingslauf mit angehängtem Pneu, alles andere als schnell. 36., ob wohl die andern auch so langsam müde wurden?
Auf das Freitagabendprogramm mit Führung im Edelsteinmuseum verzichtete ich zugunsten von 10 Stunden Schlaf. Nachdem ich aufgestanden war und mir ein kleines Frühstück gegönnt hatte, hängte ich nochmals 2 Stunden Schlaf an, so fertig war ich. Typisch Trainingslagereffekt!
200m, 5000m und 1000m, jetzt wollte ich meinen Zwischenrang verbessern und bei den „alten Säcken“ M50 einen Podestplatz ins Visier nehmen. Ich war ausgeschlafen, aber fit wie ein schimmliges Stück Brot. Die Arschbacken schmerzten, die Oberschenkel schrieen, die Füsse schmerzten, aber die Waden? Immer noch locker und zu allen Schandtaten bereit. Ob Kompressionsstrümpfe wohl auf die Dopingliste müssen?
Die 200m misslangen gründlich, 40., wer weiss warum? Hatte ich zuviel Schlaf in den Knochen? Am Mittag die 5000m dann wieder ein „Triumpflauf“. Es gelang mir, einige Wahnsinnige am Start laufen zu lassen, ihnen ohne irgendwelche Ängste 50m und mehr Vorsprung zu lassen. Ich fand mein Tempo und das brachte mich nach 5 Runden in Führung, welche ich bis ins Ziel regelmässig ausbauen konnte. Das System dieses Decathlons ist schon sehr durchdacht. Jeder kommt auf seine Rechnung und auf seine Trainingseinheiten.
Das Einlaufen vor dem abendlichen Tausender brauchte viel Überwindung. Aber die Gedanken an meine Kindheit schienen bei mir ungeahnte Kräfte freizusetzen. In der Schule habe ich den Tausender im zarten Alter von 15 Jahren mit Vorsprung gewonnen, obwohl ich im Schnelllauf immer bei den Langsamsten war. 31. in 3`18, leicht enttäuscht, aber für meinen nächsten Läuferzehnkampf werde ich mehr Intervalle machen, mich mehr mit Stehvermögen, Säureresistenz und Krafttraining beschäftigen, es braucht einfach mehr als nur Ausdauer, um ein kompletter Läufer zu sein.
Mit vielen der anwesenden Läufer und Läuferinnen kam ich ins Gespräch, hatte Freude am Informations- und Gefühlsaustausch und fühlte mich einfach rundum wohl und „heimelig“, auch wenn mein angepeilter M50 Podestplatz immer unrealistischer wurde.
Party am Samstagabend, ein Buffet vom Feinsten, mit allem, was ein Läuferherz begehrt. Und einem Film an der Wand, neben dem Fernseher, auf dem die Schweiz den Eishockeymatch gengen Tschechien gewann. Darauf ein Läufer in meinem Tenü, mit meinem Kopf, aber das konnte unmöglich „ich“ sein; wie der die Füsse nachschleift, mit den Armen vor dem Körper hin und her bammelt, keinen Kniehub, kein Anfersen, und trotzdem schnell, siehe 5000m Lauf, da habe ich gemerkt, da muss noch was drinliegen.
Auf die anschliessende Disco habe ich gerne zugunsten von mehr Schlaf verzichtet und habe so auch nicht mitbekommen, dass das ganze Buffet nochmals aufgetragen wurde.
Dafür war ich sonntags fit für den abschliessenden 10`000er. Trotz der besten Zeit bei den M50 konnte ich meinen 4. Altersrang nicht mehr in einen Podestplatz umwandeln.
Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit dem Abenteuer Läuferzehnkampf. Die Erkenntnisse, dass Kompressionsstrümpfe nicht nur für schwangere Bergenten und Training nicht nur aus Ausdauerläufen besteht werden mich für die Strapazen entschädigen.
Xaver Dörig von Swiss Masters Running