Aus dem Leben gegriffen …
Aller Anfang ist schwer, vor allem wenn es bergauf geht. Meine Ehe ist anders, sie läuft wie geschmiert. Berge und Täler überwinden wir gemeinsam. Wir lachen zusammen, wenn wir den Gipfel erreichen und stehen uns bei, wenn Tiefen auf uns warten. Aber in einer Frage gehen wir getrennte Wege. “Laufen ist langweilig”, sagt meine Frau. Mein Widerspruch folgt promt: “Probiere es doch erst einmal aus, bevor Du urteilst.” So laufen unsere Diskussion in der Regel ab, wenn ich sie zum Mitmachen aufordere. Ihr fehle das Gemeinschaftserlebnis beim Joggen und somit der Spaß daran, den “inneren Schweinehund” zu überwinden. Ich versuche, mit meiner Überzeugungskraft an ihrer Haltung zu knabbern: “Wenn Du mit mir läufst, wären wir immerhin schon zu zweit.” “Ja, vielleicht, wenn das Wetter schöner wird”, wiegelt meine Gattin im Herbst und Winter ab. Im Sommer ist es ihr dann zu heiß, im Frühjahr nimmt ihr die bekannte Müdigkeit den Antrieb. “Es wird Dir gut tun, Du wirst es nicht bereuen, ein paar Kilometer zu laufen” lasse ich nicht locker. Wir fangen ganz langsam an, aber dann….Ich bin dabei, ihren Ehrgeiz zu wecken: “Wenn wir richtig trainieren, können wir bei Läufen mit vielen anderen mitmachen.” Ich merke, wie sie nachdenkt. “Hm, das wäre schon einmal interessant.” Aber ohne Fleiß, kein Preis… Irgendwann im Juni begeistere ich sie für einen (Wett-)Kampf der besonderen Art – für einen Familientriathlon. Schwimmen ist unsere Sache nicht, also muss unsere Tochter in den Teich springen. Nach harten 150 Metern entsteigt sie groggy dem kühlen Nass und übergibt an mich, der mit dem Moutainbike ungeduldig am Ufer wartet. “Ich kann doch gar nicht mehr richtig Rad fahren, bin ganz aus der Übung”, hat meine bessere Hälfte einen Start in dieser Disziplin abgelehnt. 1,5 Kilometer Laufen – “das schaffe ich noch”, tönt sie dagegen selbstbewusst. Als ich mit fast tauben Beinen ankomme, lächelt die hübsche Frau mit dem Basecap noch. Eine lockere Runde um das kleine Waldbad steht ihr bevor, glaubt sie und nimmt die Strecke auf die leichte Schulter. Die Minuten verinnen, ständig kommen Teilnehmer ins Ziel – auch solche, die viel später als meine Frau losgelaufen sind. Irgendwann wird es mir zu bunt. Ich laufe ihr entgegen. Hoffentlich ist nichts passiert. Endlich, sie ist in Sichtweite, ein Stein fällt mir von Herzen. Ihr Gesicht sieht aber angespannt aus, meine sportlich gekleidete Frau wirft mir wütende Blicke zu. “Wenn ich jetzt noch etwas gegen das Rauchen sage, geht sie in die Luft”, denke ich mir schmunzelnd. Wir kommen gemeinsam an. ”Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich einlasse”, raunt sie mir nach Minuten des Schweigens zu. Meine Partnerin hat die längsten 1,5 Kilometer ihres Lebens hinter sich. Nachdem der erste Ärger verflogen ist, Urkunden verteilt sind und sie auch eine Medaille in den Händen hält wie alle Teilnehmer, verspürt sie doch etwas von dem Gefühl, eine Leistung vollbracht zu haben. Vollmundig kündigt sie an: “Nächtes Jahr bereiten wir uns besser vor, dann will ich nicht so hinterlaufen.” Ihr Wort in Gottes Ohr. Manchmal muss man Umwege gehen, um ans Ziel zu kommen. Auch wenn sie nur 1,5 Kilometer lang sind. 2010 will ich einen weiteren Laufversuch mit ihr starten…